Die Zeiten ändern sich schnell

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Was heißt Weißabgleich?

Der Weißabgleich ist eine der wichtigsten Tätigkeiten eines Fotografen vor oder nach der Aufnahme von Fotos. Der Weißabgleich ist notwendig, da unterschiedliche Lichtquellen die Farben der Bilder unterschiedlich beeinflussen. Wie man dies steuern und beeinflussen kann und wie es überhaupt dazu kommt, erläutert dieser Artikel.

Was unser Auge alles kann

Welcher Fotograf kennt es nicht: Wir fotografieren zum Beispiel einen Tisch mit einem weißen Tischtuch abends bei Kerzenschein. Wenn wir nicht wüssten, dass das Tischtuch weiß ist, dächten wir nun es sei gelblich oder beige. Woran liegt das? Das Licht der Kerze beeinflusst die anderen Farben auf dem Bild und lässt das Weiß eher gelblich oder beige erscheinen. Das liegt an der Farbtemperatur, die sich bei unterschiedlichem Licht verändert. In Natura, als wir uns das Motiv mit unseren eigenen Augen ansahen, haben wir das nicht bemerkt. Dies liegt daran, dass unser Auge bzw. unser Gehirn immer wieder das Weiß nachjustiert und es uns als „reines“ weiß präsentiert. Diesen Umstand nennt man in der Physiologie chromatische Adaption. Das heißt, dass durch die Fähigkeit des Auges der Mensch einen Wechsel der Farbtemperatur des Umgebungslichtes subjektiv kaum wahrnimmt.

Was eine Kamera nur mit Hilfe kann?

Das Auge nimmt einen Wechsel der Farbtemperatur kaum wahr

Jede Lichtquelle, wie zum Beispiel die Sonne, Leuchtstofflampen oder Kerzen hat eine unterschiedliche Wellenlänge, die in Farbtemperaturbereiche mit der Einheit Kelvin eingeteilt wird. Da die Bildsensoren von Digitalkameras die Temperaturbereiche in unterschiedlichen Farben wiedergeben, ist die Farbe Weiß jedes Mal anders definiert. Dies führt zu Farbstichen in den Fotos. Man spricht zwar vom Weißabgleich, obwohl korrekterweise der Vergleich zu einem neutralen Grau bemessen wird. Die Kamera benötigt also die Information, welche Farbtemperatur als neutral (grau [1]) anzusehen ist. Diese Farbtemperatur wird durch den Weißabgleich bestimmt. Es muss folglich die Kamera auf die Farbtemperatur des Lichtes am Aufnahmeort sensibilisiert werden. Hierzu gibt es an der Kamera unterschiedliche Einstellungen.

Automatischer Weißabgleich

Die Kamera „sucht“ sich eine weiße oder helle Fläche und passt die restlichen Farben daran an. Problematisch wird es nur dann, wenn keine weiße oder helle Fläche im Motiv ist, da sich dann die Kamera eine andere Farbe als Referenz heranzieht. Dies führt unumgänglich zu einem Farbstich. In Fällen also, in denen in unserem Motiv keine neutralgraue oder weiße Fläche vorhanden ist, sollten wir in der Kamera die vorherrschende Farbtemperatur einstellen. Normalerweise bieten Kameras eine der folgenden typischen Farbtemperaturen an.

  • Tageslicht
  • Kunstlicht
  • Kunstlicht von Leuchtstoffröhren
  • Schatten
  • Wolkig

Bessere Kameras bieten die Möglichkeit die Farbtemperatur direkt einzugeben. Die Farbtemperatur wird in Kelvin (K) gemessen und bewegt sich üblich zwischen 1600 und 16000K. Dabei gilt, dass Warmweiß unter 3300K, Neutralweiß zwischen 3300-5000K und Tageslichtweiß (auch Kaltweiß) über 5000K besitzt.

Farbtemperaturskala [2]

Farbtemperatur

Farbtemperatur

Manueller Weißabgleich

Das Rohdatenformat ermöglicht eine verlustfreie Verarbeitung der Fotos

Wer sich nicht auf die Vorgaben der Kamera verlassen will, führt einen manuellen Weißabgleich durch. Dazu müssen Kameras diese Funktionalität anbieten. Besitzt eine Kamera diese Funktionalität, nimmt man ein weißes Blatt Papier oder Karton (ein 18% grauer Fotokarton ist optimal) [3] und nimmt dieses Formatfüllend in den Sucher der Kamera, dabei sollte man beachten, dass die Lichtsituation den zukünftigen Aufnahmen entspricht. Ändert man also seine Position, z.B. von der Sonne in den Schatten oder ziehen plötzlich Wolken auf, ist der Ablauf zu wiederholen. Hat man nun den grauen Karton formatfüllend im Sucher, tätigt man die Funktion der Kamera zum Weißabgleich, so dass diese die richtige Farbtemperatur bestimmen und einstellen kann.

Weissabgleich mit 2850K

Weissabgleich mit 4100K

Weissabgleich mit 7500K

Weissabgleich mit 2850K/4100K/7500K

Noch komfortabler sind Kameras, die Weißabgleichsreihen ermöglichen. Bei dieser Technik werden vom selben Motiv mehrere Aufnahmen mit verschiedenen Einstellungen für den Weißabgleich aufgenommen.

Nachträglicher Weißabgleich

Hat man den Weißabgleich vergessen oder war er in der Kamera falsch eingestellt, findet man nach dem Übertragen der Fotos auf den Computer Bilder mit einem unschönen Farbstich wieder. Hier kann uns nun Software unterstützen auch nachträglich einen Weißabgleich durchzuführen. Um möglichst gute Qualität meiner Fotos zu erhalten, nehme ich meine Fotos alle im RAW-Format auf. Die Softwareprogramme können zwar theoretisch auch JPEG-Bilder bearbeiten, dabei ist aber zu beachten, dass nach jeder Änderung das Foto neu gespeichert werden muss und, weil eben JPEG, jedesmal neu komprimiert werden muss, was zu einem Qualitätsverlust führt.

Weißabgleich mit der Pipette

Die besseren Softwareprogramme bieten eine sogenannte Pipette an. Klickt man sie an, also aktiviert man sie, so kann man auf dem Foto durch einen einfachen Klick dem Programm mitteilen, welche Stelle des Fotos als Weiß zu interpretieren ist. Hat das Programm den Wert, kann es die Farbtemperatur einstellen und den Farbstich korrigieren. auch hier lohnt es sich ein Foto von einer Graukarte der Aufnahmesession gemacht zu haben, da sie bei Fotos, die keinen Grauwert besitzen, als Referenz herhalten kann.

Software, die den digitalen Workflow der Fotoverarbeitung unterstützen (Lightroom, Aperture, etc.) bieten aber auch Schieberegler an, mit denen man die gewünschte Farbtemperatur exakt einstellen kann und zusätzlich den Farbstich manipulieren kann.

Fazit

Für Fotos ohne Farbstich ist ein Weißabgleich unabdingbar. Für Urlaubsschnappschüsse ist der Aufwand eines manuellen Weißabgleichs mit Graukarton jedoch zu hoch. Hier verlasse ich mich auf den automatischen Abgleich meiner Kamera und bearbeite die Fotos (im Rohdatenformat) in Lightroom nach. Für Fotosessions, wobei ich Serien gleichartiger Bilder aufnehme, arbeite ich mit einem manuellen Weißabgleich, wobei eine Kontrolle und gegebenenfalls eine Korrektur in Lightroom ebenso erfolgt.

Fußnoten

  1. Der mittlere Grauwert ist definiert als eine Fläche mit einer Lichtabstrahlung von 18 % – dem mittleren Remissonswert (oder auch „Zone V“), zwischen zeichnungslosem Weiß und tiefem Schwarz; bezogen auf einen wiedergebbaren Kontrastumfang von fünf Belichtungsstufen.

    Als ein Hilfsmittel zur korrekten Belichtungsmessung dient die Graukarte, die ersatzweise angemessen werden kann, wenn das Motiv selbst überdurchschnittlich kontrastreich ist; also aus einer Vielzahl unterschiedlicher Grauflächen besteht. Sie ist als neutral-grau (ohne Farbstich) und einer exakten Remission von 18 % definiert, strahlt also 18 % des einfallenden Lichts zurück. Das gleiche macht sinngemäß die Kalotte oder der Diffusor bei Handbelichtungsmessern, die als weiße Halbkugel (oder Jalousie) über die Messzellen der Geräte geschoben werden: Auch hier werden exakt 18 % des Lichtes messtechnisch erfasst. Womit eine sogenannte Lichtmessung – eine Direktmessung vom Motiv hin zur Lichtquelle – realisiert werden kann.

  2. This Wikipedia and Wikimedia Commons image/multimedia is from the user Holek and is freely available at //commons.wikimedia.org/wiki/File:Color_temperature.svg under the creative commons cc-by-sa 2.5 Poland license.
    Seite „Belichtungsmessung“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. Februar 2012, 17:19 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Belichtungsmessung&oldid=99421124 (Abgerufen: 9. März 2012, 16:00 UTC)
  3. Man nimmt besser einen 18% neutral grauen Fotokarton, da in den meisten weißen Papierblättern optische Aufheller vorhanden sind, die bei UV-haltiger Beleuchtung der Kamera blau erscheinen, was nach dem Weißabgleich einen Gelbstich bedingt.
Marc Koschel

Über Marc Koschel

Fotograf • Musikhörer • Blogger • Denker • Kaffeetrinker
— Marc Koschel lebt bei Mannheim und bloggt seit 2001 über digitale Workflows

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